Das Rift Valley und der Ngorongoro-Krater

Weite Teile der Landschaft Tansanias werden von den erdzerreißenden Kräften des Erdinneren geformt. Nirgendwo sonst wird das so deutlich wie im Afrikanischen Rift Valley, jenem, ca. 6500 Kilometer langen Grabenbruch, der den Afrikanischen Kontinent vom Unterlauf des Sambesi bis zum Roten Meer teilt. In der Äthiopischen Afar Senke geht das Kontinentale Rift in ein Ozeanisches über und bildet das Rote Meer. Wo Kontinente zerreißen entstehen Vulkane. Das Magma sucht sich seinen Weg entlang von Bruchzonen in der Erdkruste zur Oberfläche. Wo es zutage tritt beeinflusst es neben der unbelebten Natur auch die Belebte. Direkt, oder indirekt. Dabei müssen die Auswirkungen keineswegs katastrophal sein. Im Gegenteil, diese tektonischen und vulkanischen Kräfte sind maßgeblich an der Schöpfung unseres Planeten beteiligt. Zur Katastrophe werden diese Naturphänomene nur, wenn Menschen bedroht sind.

Die gängigste Theorie zur Genese des modernen Menschen fußt sogar auf der Annahme, dass die Öffnung des Großen Rift Valleys und die damit einhergehende Änderung der Lebensbedingungen früher Primaten, der Evolution den nötigen Schub zur Menschwerdung gab. Plattentektonik und Vulkanismus als Motor der Evolution.


Die Geschichte des Rift Valleys begann vor ca. 18 Millionen Jahren. Zur Zeit des späten Tertiärs begann die Öffnung des Grabenbruches. Mächtige Gesteinspakete sackten dabei in die Tiefe, die Riftschultern wurden angehoben. Vulkane brachen aus. Später verzweigte sich der Große Grabenbruch und es entstand das Ostafrikanische Rift Valley. An seinem Abzweig, einer sogenannten „triple junction“, entstanden die Krater Highlands von Tansania, eine vulkanisch äußerst aktive Zone, die heute noch 3000 Meter hoch ist. Bekanntester Vulkan dieser Region war der Ngorongoro Vulkan, der damals vermutlich noch mächtiger war, als der 5895 Meter hohe Kilimandscharo, der ca. 200 Kilometer entfernt liegt. Regenwolken blieben an den neugebildeten Gebirgszügen hängen und regneten ab. Das Klima im Lee der Berge, besonders am Boden des jungen Spaltentals, änderte sich. Der Baumbestand des Urwaldes machte der flachen Vegetation einer Savanne platz. Die bis dahin baumbewohnenden Primaten mussten sich den neuen Lebensbedingungen auf dem Boden anpassen und entwickelten den aufrechten Gang. Der erste Schritt in Richtung Mensch war gemacht. Spuren dieser Entwicklung findet man in der Olduvai Gorge. In der Nähe des berühmten Ngorongoro Kraters, brach vor 3,7 Millionen Jahren, der heute weitgehend erodierte Makarot-Vulkan aus und bedeckte die Landschaft mit einer frischen Ascheschicht. Durch die noch warmen Aschen gingen drei Individuen der Gattung Australopithecus afarensis und hinterließen ihre Fußabdrücke. Bei der Abkühlung der Asche verfestigten sich ihre Spuren. Ein weiterer Vulkanausbruch bedeckte sie dann mit einer neuerlichen Ascheschicht und konservierte die Fußspuren so die für die Nachwelt. 1978 entdeckte die Anthropologin Mary Leakey die Momentaufnahme vergangenen Lebens. Die bisher ältesten Funde früher Menschen wurden in der Afar-Senke Äthiopiens, unweit des Vulkans Erta Alé, entdeckt. Dort bargen Wissenschaftler die ca. 3,5 Millionen Jahre alten Reste von „Lucy“ und der 4,4 Millionen Jahre alten Arditipicus Ramides. Die neusten Funde aus Kenia sind sogar 6 Millionen Jahre alt. Demnach darf das Rift Valley als Wiege der Menschheit angesehen werden.
Unsere Vorfahren erlebten somit auch schon den gewaltigen Ausbruch des Ngorongoro-Vulkans vor 2,5 Millionen Jahren. Danach stürzte das Vulkangebäude in sich zusammen und schuf eine der größten Calderen der Welt, den 16 Kilometer durchmessenden Ngorongoro Krater. Heute ein Tierschutzgebiet unvergleichlicher Artenvielfalt. Die kleinen Kegel auf dem Grund des Kraters sind Zeugnisse späterer vulkanischer Aktivität. Wenig später bildeten sich die Calderen Olmoti und Empakai. Doch das sollte keineswegs das Ende vulkanischer Aktivität in dieser Region sein. Der Grabenbruch senkte sich weiter und der Kerimasi entstand. Er steht mit seiner Westflanke auf der Kante des Rifts, der Rest erhebt sich vom mehrere hundert Meter tiefer gelegenen Riftboden. Sein letzter Ausbruch bedeckte weite Teile der Region mit Asche und vernichtete das meiste Leben.
Jüngstes Glied in der Kette ist der Vulkan Ol Doinyo Lengai, der Berg der Götter. Er ist bis heute aktiv und seine einzigartige, natriumkarbonatische Lava gibt den Wissenschaftlern Rätsel auf. Eine Klärung der Geschichte des Ol Doinyo Lengai, könnte den Wissenschaftlern entscheidende Hinweise zum Verständnis der Riftbildung liefern.
Ein weiteres Indiz dafür, dass die Genese des Rifts noch lange nicht abgeschlossen ist, liefern die zahlreichen Sodaquellen und Geysire in den Seen, die den Verlauf des Rifts markieren.
Einer dieser Sodaseen ist der Lake Natron, in Sichtweite des Ol Doinyo Lengai gelegen. Sein Soda entstammt nicht nur den Quellen und Geysiren am Seeboden, sondern wird zum Teil auch aus den Mineralen der eigenartigen Lava des Vulkans gewaschen und in den See gespült. Seltsamer Weise ist die ätzende Lauge des Seewassers Lebensraum einer spiralförmigen Algenart, die die Lebensgrundlage von Flamingos bildet. Die Flamingos haben sich den lebensfeindlichen Bedingungen dieser glühend heißen Senke vorzüglich angepasst. Ein weiteres Beispiel der Evolution. Ja, ihre Anpassung geht sogar soweit, dass der Lake Natron das einzige Brutgebiet der Ostafrikanischen Flamingos darstellt. Zur Brutzeit sind die Ufer, des bis zu 20 x 60 Kilometer großen Sees, ein Meer aus rosafarbenen Flamingoleibern. Mehrere Millionen Tiere versammeln sich hier und die flirrende Luft ist von ihrem Geschnatter erfüllt. Ein unbeschreibliches Naturschauspiel.
Während der Trockenzeit kann der flache See gänzlich austrocknen. Sein Boden ist dann von polygonalen Trockenrissen durchzogen und es bilden sich Salzschollen, die wie Eis in der unbarmherzigen Sonne glitzern. Viele Vögel verenden dann und die gesamte Kolonie muss zu anderen Seen übersiedeln.
Flamingos gibt es auch im Magadi-See am Grunde des Ngorongoro-Kraters. Zu den Attraktionen gehören sie hier aber nicht. Zu groß, zu spektakulär, ist der Artenreichtum. Fast jedes der ostafrikanischen Tiere ist hier vertreten, einschließlich der „big five“: Löwe, Nashorn, Elefant, Büffel und Leopard. Nur Giraffen, Topis und Impalas sucht man hier vergebens; sie können die 600 Meter hohen Kraterwände nicht bezwingen. Zwei Drittel des Tierbestandes werden von Herdentieren wie den Gnus, Zebras, Gazellen und Büffeln gestellt. Während Leoparden und Nashörner ehr selten sind, weist der Ngorongoro-Krater einen der größten Löwenbestände überhaupt auf. Teilweise leben hier über 100 Löwen, dagegen nur 7 Exemplare des seltenen und vom Aussterben bedrohten Schwarzen Nashorns. Vor allem Wilderer haben den Tierbestand in den letzten Jahrzehnten drastisch reduziert.
Nicht zu übersehen sind die Nilpferde, die tagsüber in den Hippo-Pools dahindösen. Normalerweise verlassen sie die schlammigen Pools nur im Schutz der Dunkelheit.
Die Tiere stören sich seltsamer Weise nicht an Autos und so kommt man ihnen im Ngorongoro-Krater besonders nahe. Beim Besucher entsteht schnell der Eindruck sich in einem gigantischen Zoo aufzuhalten, doch die Tiere sind frei und können den Park verlassen. Vielmehr sind es die Besucher, die in Ihren Fahrzeugen eingesperrt sind. Der Wagen darf nur an ausgewiesenen Stellen verlassen werden. Sollten Sie das Naturreservat besuchen, fahren Sie so früh wie möglich in den Park (Öffnung zwischen 6.00 Uhr und 7.00 Uhr), morgens sind die Beobachtungsmöglichkeiten am besten und die Stimmung am schönsten. Um 18.00 Uhr wird das Tor geschlossen.

Die Erhaltung dieses einmaligen Naturraumes verdanken wir maßgeblich der Zoologischen Gesellschaft Frankfurt und dem bekannten Zoologen Prof. Grizmek. Ihren Bestrebungen ist es zu Verdanken, dass der Ngorongoro-Krater 1959 den Status eines Conservation Areas bekam, eines Naturschutz-Gebietes mit beschränkter landwirtschaftlicher Nutzung. Heute Leben immerhin 23.000 Massai -weittestgehend im Einklang mit der Natur- im Einzuggebiet des Kraters. Saisonal ist es ihnen gestattet, die Weiden im Krater für ihre Rinderherden zu nutzen.